Spirale abwärts

Inhalt:

  • Das erste halbe Jahr
  • Englang
  • Sommer 2005
  • Krankenhaus

 

Das erste halbe Jahr

Beim Abnehmen hatte ich noch einen zweiten Gedanken im Hinterkopf: vielleicht würde endlich jemand in der Schule merken, dass es mir nicht gut ging! Für alle war ich immer nur die perfekte Schülerin mit den guten Noten, die alles weiß, sonst aber langweilig ist und die man am besten ignoriert. Ich wollte, dass auffiel, dass ich ein Problem hatte, dass sich jemand um mich kümmerte, mir half. Aber niemand merkte was - oder zumindest sagte niemand etwas. Die einzigen, denen etwas auffiel, waren meine Eltern. Die ersten 2 oder 3 Wochen klappte es mit dem Abnehmen erstaunlich gut, aber dann bestanden sie darauf, dass ich mehr esse und ich nahm wieder zu. Erst im Februar schaffte ich es, mein Zielgewicht zu erreichen. Eher unbeabsichtigt rutschte ich sogar noch 1kg darunter. Ich besorgte mir eine Kalorientabelle, zählte aber nie wirklich Kalorien sondern versuchte lieber, so viele Mahlzeiten wie möglich ausfallen zu lassen und aß nur, wenn meine Eltern darauf bestanden. Für diese Gelegenheiten hatte ich mir Fettblocker besorgt, auf deren Wirkung ich aber nicht wirklich vertraute, sodass ich zusätzlich noch Joggen ging. Im März bestand meine Mutter darauf, dass ich zu einer Psychologin ging, doch inzwischen wollte ich keine Therapie mehr. Ich steckte schon so tief in der Krankheit, dass ich um keinen Preis der Welt wieder zunehmen wollte...

Im Grunde war mir von Anfang an bewusst, dass ich auf dem besten Weg war magersüchtig zu werden. Aber ich glaube, mir war nie klar, was es wirklich bedeutet, magersüchtig zu sein - bis es zu spät war. Ich suchte tagelang im Internet nach Informationen über Magersucht, las Bücher darüber, glaubte, mich aktiv für oder gegen diese Krankheit entscheiden zu können. Eigentlich hätte ich merken müssen, dass das beim besten Willen nicht der Fall war. Mehrmals habe ich mir abends vorgenommen, wieder normal zu essen, doch schon am nächsten Morgen waren alle diese Vorsätze vergessen. Neben Infos über die Krankheit suchte ich nach Abnehmtipps. Ich hatte davon gehört, dass es Internet-Foren gab, in denen Magersüchtige gemeinsam ihre Krankheit ausleben, aber (zum Glück!) wusste ich damals noch nicht, wo im Internet ich sie finden würde. Manchmal wünschte ich mir immer noch, eine Therapie zu machen, doch die Vorstellung, wieder essen und damit zunehmen zu müssen, schreckte mich ab. Am liebsten wäre mir eine Therapie im Internet gewesen, wo ich zwar meine Probleme bearbeiten könnte, aber nicht zunehmen müsste. Doch als meine Eltern mich dann zu einer (realen) Psychologin schickten überzeugte ich die, dass bei mir alles ok sei und ich keine Therapie bräuchte.

In dieser Zeit ging es mir - völlig abgesehen von jeglichen Problemen in der Schule und mit meiner Familie - ziemlich schlecht. Mir war immer kalt. Nachts schlief ich mit zwei Decken, aus der warmen Dusche wäre ich am liebsten gar nicht mehr rausgekommen und die Schule, in der es wirklich eher kühl war, war der absolute Horror für mich. Außerdem fühlte ich mich körperlich nicht gut. Gerade morgens fühlte ich mich oft schwach, abends kapputt und ausgelaugt, und beim Tennis-Training sah ich öfters schwarze Punkte und musste mich hinsetzten, weil ich so ko war. Jedes Mal Joggen war fürchterlich, zumal es draußen winterlich kalt war. Gleichzeitig hasste ich mich und meine Figur abgrundtief. Jeder Blick in den Spiegel war ein Horror für mich und doch stand ich andauernd vor ihm. Ich begann, nicht mehr an den gemeinsamen Mahlzeiten teilzunehmen und täuschte stattdessen vor, zu anderen Zeiten gegessen zu haben. Dafür nahm ich auch in Kauf, dass ich morgens früher aufstehen musste um lang genug allein in der Küche zu sein, dass ich vortäuschen konnte, gefrühstückt zu haben. 

Ein völlig anderes Problem war, dass ich im Grunde eigentlich gerne aß und es mir nur verbot, um abzunehmen. Ich blätterte oft stundenlang in Kochbüchern, gerade für Kuchen, und weinte oft, weil ich all diese Sachen nicht mehr essen konnte. Außerdem hatte ich einfach schlicht Hunger. Ich konnte kaum noch an etwas anderes denken, mein Tag bestand eigentlich nur noch daraus, auf das nächste Essen zu warten. Dauernd überlegte ich, was wie wann ich mir erlauben könnte, und wie ich allem anderen aus dem Weg gehen und gleichzeitig meinen Eltern deutlich machen könnte, dass ich ganz normal esse. Ich weiß noch, wie ich im Chemie-Unterricht saß und die ganze Zeit nur ein Bild eines Apfels im Chemiebuch anstarrte. So gerne hätte ich einen gegessen - ich konnte sogar förmlich den Geschmack in meinem Mund spüren. Doch selbst Obst verbot ich mir, wenn es nicht eine andere Mahlzeit ersetzte...

Nachdem ich mein Zielgewicht erreicht hatte, nahm ich mir zunächst vor, dieses Gewicht zu halten und nicht mehr weiter abzunehmen. Aus Angst wieder zuzunehmen, aß ich unverändert wenig, nahm aber trotzdem nicht weiter ab. Nach ein paar Wochen stand ein mehrtägiger Besuch bei meinen Großeltern an, bei denen es immer viel und reichlich zu essen gab. Ich nahm mir vor, noch ein Kilo abzunehmen, das ich in der Zeit bei ihnen wieder zunehmen würde. Aus einem wurden zwei Kilo, die ich dann doch nicht wieder zunahm.

Im Mai bestand meine Mutter darauf, dass ich noch mal zu der Therapeutin gehe, weil auch sie sah, dass ich weiter abgenommen hatte. Mir war klar, dass ich sie, wenn sie merkte, dass ich weiter abgenommen hatte, nicht wieder überzeugen könnte, dass alles in Ordnung sei. Also aß ich drei Tage hintereinander alles, was mir in die Finger kam, um die 2kg wieder zuzunehmen. Im Nachhinein kann ich beim besten Willen nicht sagen, wie viel ich in diesen Tagen wirklich gegessen habe, aber es reichte jedenfalls, um genug zuzunehmen, auch wenn einiges davon nur Darminhalt war. Dafür fiel es mir umso schwerer, mit dem Essen wieder aufzuhören. Ich hatte das Gefühl, jedes einzelne Gramm an mir sehen zu können und verbrachte mehrere Nachmittage damit, in meinem Zimmer auf- und abzulaufen, bis ich völlig kaputt war.

Kurze Zeit darauf fand meine Mutter meine Fettblocker. Damit war ihr endgültig klar, was Sache war und sie meldete mich zum nächstmöglichen Termin zur Therapie an. Außerdem nahm sie mir die Waage weg. Ich probierte zwar, mein Gewicht trotzdem zu halten (alles andere hätte nur noch mehr Ärger gegeben), aber nahm trotzdem innerhalb von wenigen Tagen 1,5kg ab. Danach hatte ich die Nase voll und kaufte mir meine eigene Waage. Eine Woche später, noch vor dem Therapie-Beginn, fuhr ich für 5 Tage auf Klassenfahrt. Meine Erinnerungen daran sind gemischt. Mit dem Essen kam ich halbwegs zurecht, aber es machte mich wahnsinnig, mich so lange nicht wiegen zu können. Immerhin war ich gewöhnt, mich jeden Morgen, wenn nicht auch noch zwischendrinnen zu wiegen. Auch mit den Klassenkameraden lief es sehr gemischt. Ich fühlte mich oft einsam und ausgeschlossen und war eigentlich froh, als ich wieder zu Hause war.

Eine Woche später begann dann die Therapie. Ich bekam einen Essplan mit 3 Haupt- und 3 Zwischenmahlzeiten, an den ich mich halten sollte. Das tat ich zwar, wog mich aber vor jeder Mahlzeit und machte davon abhängig, wie viel ich aß. Zunächst nahm ich fast 2kg zu, aber dann stagnierte mein Gewicht, obwohl ich (zumindest nach meinem Eindruck) echt viel aß. Bald stellte sich heraus, dass die Therapeutin eigentlich nur mit kleinen Kindern arbeitete, von Essstörungen überhaupt keine Ahnung hatte und mich nach irgendeinem Lehrbuch behandelte. Daher konnte sie mir mit meinen Problemen überhaupt nicht helfen, stellte stattdessen aber immer höhere Bedingungen, wie viel ich innerhalb einer Woche zunehmen müsse. Irgendwann konnte ich das nicht mehr, und ich begann, das restliche Gewicht durch Trinken zu ersetzen...

In den Sommerferien fuhr ich mit meinem Vater und meinem Bruder nach Südafrika. 3 Wochen lang keine Waage - und ich war inzwischen gewohnt, mich vor jeder Mahlzeit zu wiegen. Also aß ich "vorsichtshalber" wieder weniger, was zu einigen Auseinandersetzungen mit meinem Vater führte. Nach einem besonders heftigen Streit lief ich allein durch ein Bush-Camp und begann mich zum ersten Mal zu fragen, wofür ich das alles eigentlich machte. Warum fiel es mir so unglaublich schwer, zu essen? Warum konnte ich nicht ganz normal wie jeder andere Teenager sein???

Am letzten Ferientag sah ich ein Foto von mir in kurzem Rock und war entsetzt, wie dünn ich darauf wirkte. Damit war auch die letzte Hürde - die Angst, wieder dick zu werden - vorrübergehend genommen. Ich begann wieder, etwas mehr zu essen und dachte immer öfter darüber nach, was aus meinem Leben werden sollte. Ich wollte wieder gesund werden, glücklich sein! Und der Gedanke, tot in einem Grab unter der nass-kalten Erde zu liegen machte mir verdammt Angst. Wieder zu Hause begann ich, im Internet nach Kliniken zu suchen, mir deren Konzepte anzusehen, und mir Gedanken darüber zu machen, wieso ich eigentlich magersüchtig geworden bin. Ich stand vor einer verdammt schweren Frage: ich wollte ja eigentlich im neuen Schuljahr für ein halbes Jahr nach England gehen. Also musste ich mich entscheiden, ob Ausland oder Klinik. Zunächst fiel meine Entscheidung schweren Herzens für Klinik und ich schrieb meinen Eltern einen ausführlichen Brief, in dem ich ihnen von meiner Entscheidung erzählte. Sie meinten aber, ich sollte doch nach England gehen. In einer anderen Umgebung, weit weg von meinen Problemen, werde sich das Essen wahrscheinlich von selbst wieder regeln. Im übrigens hielten sie auch nicht besonders viel von Kliniken und wollten nicht so offen zugeben müssen, wie es um mich stand. Wir vereinbarten, dass ich, wenn es gar nicht ginge, den Auslandsaufenthalt abbrechen könnte, aber es wenigstens probieren würde. Im Grunde war mir diese Entscheidung sehr lieb - eigentlich wollte ich ja unbedingt nach England und mit dieser Reglung hatte ich das Gefühl, das auch mit meiner Gesundheit vereinbaren zu können...

 

England

Eins direkt vorne weg: das Jahr in England war die bisher glücklichste Zeit in meinem Leben, und ich bereue trotz den Problemen, die sich im Bezug auf meine Magersucht dadurch ergeben haben, nicht, mich dafür entschieden zu haben! Wenn ich gekonnt hätte, wäre ich wohl den Rest meiner Schulzeit dort geblieben und noch heute danke ich oft mit viel Sehnsucht an diese Zeit zurück. Dabei gab es auch hier nicht nur schöne Momente. Gerade in den ersten Wochen hatte ich es schwer, Anschluss zu finden. Ich merkte einfach meine Schüchternheit, meine Angst, komisch zu wirken, und mein Gefühl, überall zu stören und nicht dazuzugehören. Ziemlich schnell wurde mich eins klar: man kann nicht vor sich selber wegrennen. Ich könnte so oft und so weit weg umziehen, wie ich wollte, ich wäre immer noch ich selbst, mit all meinen Stärken und Schwächen.

Nach drei Wochen, in denen ich eher einsam war, fragte mich abends eine Gruppe aus meiner Klasse, bestehend aus einer Süd-Koreanerin, einer Chinesin und einer Französin, ob ich mich nicht zu ihnen setzen wollte. Bis dahin war mein Ziel gewesen, mich vor allem mit den englischen Mädchen anzufreunden, aber ich hatte gemerkt, dass sie eine feste Gruppe waren, in der Neue keinen Platz hatten. Also freundete ich mich mit den anderen drei an und bald hatten wir viel Spaß miteinander. Ich hatte zum ersten Mal das Gefühl, richtig dazuzugehören. Kurz darauf lernte ich in meinem Internatshaus eine zweite Gruppe kennen, die sich jeden Abend in der Küche (wo auch Waschmaschine etc standen und die der einzige Raum in der ganzen Schule war, der halbwegs warm war) zum "kitchen talk" traf. Auch hier machte ich fast jeden Abend mit und hatte jede Menge Spaß. Der Gedanke, in den Herbstferien wieder nach Hause zu fahren, war bald vergessen, und stattdessen entschied ich mich, bis Ostern zu bleiben. Kurz vor Weihnachten brach die Gruppe aus meiner Klasse auseinander, aber ich war weiterhin mit der Chinesin und den Leuten vom "kitchen talk" befreundet, sodass mir das nicht allzu viel ausmachte.

Auch mit dem Essen lief es für meine Verhältnisse ganz gut. Anfangs war ich noch hochmotiviert, wieder normal zu essen und zuzunehmen und aß von allem, was es gab, sogar Sachen wie Pommes. Später begann ich, nur noch das zu essen, was mir schmeckte, aber wenn ich ein fehlendes Mittagessen durch eine doppelte Portion Nachtisch ausgleichte, machte das trotzdem keinen Unterschied. Anfangs wog ich mich 2x die Woche, dann aber immer seltener, sodass ich mich zwischenzeitlich einmal für 3 Wochen nicht auf die Waage stellte. Mein Gewicht war damals schon im sehr kritischen Bereich (BMI ~14), aber das schien niemandem aufzufallen. Ich selbst guckte überhaupt nicht mehr in den Spiegel, sondern richtete mich nur noch nach der Zahl auf der Waage. Zunächst nahm ich 1kg zu und schwankte danach immer in der Zone zwischen diesen beiden Zahlen. Die Motivation, noch weiter zuzunehmen, verschwand ziemlich bald, aber ich konnte auch so ich einiges essen und das genoß ich...

In den Weihnachtsferien bin ich das erste Mal nach Hause gekommen. Eigentlich war das sehr schön, aber ich nahm innerhalb der ersten Tage 1kg ab und sank damit sogar noch unter das Gewicht, dass ich im Sommer gehabt hatte. Auch in den Februar- und Osterferien nahm ich daheim (ungewollt!) weiter ab. In England hielt ich das neue Gewicht zwar, konnte mich aber nicht dazu durchringen, wieder zuzunehmen, sodass mein BMI am Ende nur knapp über 13 lag. Auch mein Essverhalten wurde wieder schlechter. Mengenmäßig aß ich zwar nicht weniger, aber ich begann immer mehr zu selektieren. Bei den Schulessen aß ich nur noch was mir wirklich schmeckte, und glich alles fehlende dadurch aus, dass ich mir abends beim "kitchen talk" selbst etwas kochte, was mir besser schmeckte. Man muss dazu sagen, dass England ein Paradies für Essgestörte ist - auf jeder Packung steht eine genaue Kalorienangabe, und in jedem noch so kleinen Laden gibt es reichlich Diät-Produkte. Also aß ich meistens WeightWatchers u.ä...

Im Februar hörte die Chinesin von einem auf den nächsten Tag auf, mit mir zu reden. Bis heute weiß ich nicht, woran das lag, aber es traf mich ziemlich. Nun hatte ich niemanden mehr in meiner Klasse, mit dem ich wirklich befreundet war und war genauso einsam wie zu Hause... Mein Trost war die "kitchen talk"-Gruppe. Wir trafen uns weiterhin jeden Abend, hatten jede Menge Spaß und begannen, am Wochenende in den nächsten Ort zu laufen, dort durch die Geschäfte zu streifen und dann im Supermarkt einkaufen zu gehen. Dass das eigentlich verboten war, machte die Ausflüge nur noch lustiger. Wie oft sind wir an einer Kreuzung an dem Haus einer besonders strengen Lehrerin vorbei gelaufen, die dich schlechte Angewohnheit hatte, immer in ihrem Wintergarten zu sitzen, und haben uns kaputt gelacht, wenn wir an der nächsten Ecke waren und sie uns nicht bemerkt hatte!

Ich glaube, diese Gruppe ist Haupt-Grund, warum ich mich in England so wohl fühlte. Außerdem gefiel es mir, so völlig frei und selbstständig zu sein. Allein durch die Welt fliegen, ohne jemanden, der einem ständig auf die Finger guckt (auch bzgl. des Essen), keiner, der mir Vorschriften machte und mich anmeckerte - das war einfach genial für mich! Ich entschied mich, auch noch den Rest des Schuljahres zu bleiben, und wäre wohl ganz dort geblieben, wenn es nicht so schwierig wäre, mit einem englischen Schulabschluss an einer deutschen Uni einen Studienplatz zu kriegen. Und mich mit gerade einmal 15 Jahren festlegen, bis nach dem Studium, eventuell auch ganz in England zu bleiben, dass wollte ich dann doch nicht. Ich weiß auch gar nicht, ob meine Eltern mir das in Anbetracht der Tatsache, dass sich meine Magersucht sichtlich verschlechterte, überhaupt erlaubt hätten...

 

Sommer 2005
Das erste Mal sprachen meine Eltern das Essen in den Osterferien an. Wir waren Skifahren, und ich war allein mit meinem Vater auf einem ewig langen Sessellift, sodass ich keine Chance hatte, ihm zu entkommen. Er meinte, so könne es nicht weitergehen und schlug vor, mich bei der Therapeutin, bei der ich vor England gewesen war, in die Tagesklinik zu geben. Ich weigerte mich aber strikt, noch mal zu ihr zu gehen und wir einigten uns darauf, dass er sich nach anderen Therapeuten erkundigen würde. Im Mai hatte ich noch einmal eine Woche Ferien, in der ich meinen ersten Termin bei einer anderen Therapeutin hatte, die eine Klinik leitete, aber auch ambulant Patienten betreute. Sie schien mir zunächst ganz nett und meinte, wir könnten es erst mal auch ambulant probieren. Nachdem ich wieder ganz aus England zurück war, ging ich einmal pro Woche bei ihr zur Therapie. Mir fiel direkt auf, dass sie die Sache sehr sehr langsam anging und wir erst nach einem Monat das erste Mal besprachen, wie das eigentlich mit Zunehmen aussähe. Dafür machte sie mir eine Woche später um so mehr Ärger, als ich nicht ganz so viel wie verlangt zugenommen hatte. Sie drohte mir an, dass ich, wenn ich nicht während dem bevorstehenden Urlaub 1,5kg zunehmen würde, ins Krankenhaus müsse...

Diesen Sommerurlaub habe ich nicht als besonders schön in Erinnerung. Meine Mutter bestand darauf, mich jeden Morgen zu wiegen, und in dem Rahmen, in dem ich nicht zunahm, machte sie mir mehr und mehr Druck. An etlichen Unternehmungen durfte ich nicht teilnehmen, und sie machte immer öfters öffentliche Szenen, um mich zum Essen zu bewegen. In der letzten Woche erwischte uns dann noch ein dicker Magen-Darm-Virus, wegen dem wir alle mehrere Tage lang nichts bei uns behalten konnten. Mein Ziel, das Krankenhaus zu umgehen, war damit endgültig gescheitert, so sehr ich mich auch dagegen wehrte. Das einzige, wozu ich meine Eltern bewegen konnte, war das Versprechen, dass ich nach einer Woche wieder nach Hause dürfe, um rechtzeitig zum Schulanfang wieder daheim zu sein.

Diese Woche im Krankenhaus war schrecklich. Ich wollte, wenn ich schon zunehmen musste, das wenigstens dadurch tun, dass ich möglichst viel leckere Sachen aß, doch die Ärzte bestanden darauf, dass ich eine Infusion gelegt kriege. Mein sowieso schon sehr dünnen Venen waren durch die Magersucht so schlecht geworden, dass der Zugang meistens nicht mal einen Tag lang hielt und ich dauernd neu gestochen werden musste. Außerdem tat die Kanüle furchtbar weh und ich konnte mich mit den ganzen Geräten nur sehr eingeschränkt bewegen. Keiner wollte mir konkrete Vorgaben machen, wie viel ich in dieser Woche zunehmen müsse. Also beschloss ich für mich selbst, dass 100-300g pro Tag ok seien. Die Ärzte schienen sich aber deutlich mehr vorgestellt zu haben, sodass die Dosis, die ich täglich über die Infusion kriegte, immer weiter erhöht wurde. Also reduzierte ich das Essen dementsprechend, schüttete es zusammen mit den hochkalorischen Getränken, die ich mehrmals täglich bekam, in einem unbeobachteten Moment weg. Beim Wiegen fiel das natürlich auf und ich bekam sowohl von den Ärzten als auch von meinen Eltern ziemlich Ärger. Es gab keinen Tag in dieser Woche, wo ich nicht stundenlang weinte, zumal ich vor Langeweile fast wahnsinnig wurde und mir das Zimmer mit einem kleinen, schreienden Kind teilen musste. Ich war so froh, als die Woche vorbei war!!! Und mit meiner Zunahme (gut 2kg) war ich recht zufrieden, auch wenn sich alle anderen das Doppelte gewünscht hätten...

Zu Hause eskalierte der Streit um das Essen schnell wieder. Meine Eltern waren mit meiner Zunahme überhaupt nicht zufrieden, und außerdem enttäsucht, dass ich nicht mehr aß als zuvor. Sie hatten gedacht, eine Woche Krankenhaus würde reichen, um das Problem zu beseitigen und alles wäre wieder so wie früher. Die Schuld dafür, dass das so nicht geklappt hatte, gaben sie zu 100% mir. Sie bestanden darauf, mich jeden Morgen zu wiegen und achteten auch sonst strikt auf alles, was ich aß. Ich wurde an einem Freitag entlassen und am Montag war meine neue Therapeutin aus dem Urlaub zurück. Einen Tag später setzten sie und meine Eltern sich zusammen und beschlossen, dass ich wieder ins Krankenhaus und danach in die Klinik müsste.

Gleichzeitig war dieser Montag auch mein erster Schultag an meiner alten Schule. Ich hatte diesem Moment voller Angst entgegengesehen und war sehr positiv überrascht, als alle total nett zu mir waren. Da es der Beginn der Oberstufe war, waren alle Kurse völlig neu zusammengewürfelt worden und es gab jede Menge neue Schüler, sodass alle sehr offen aufeinander zugingen und bereit waren, jeden zu integrieren. Ich fühlte mich so wohl wie an dieser Schule noch nie zuvor. Umso geschockter war ich, als ich am Mittwoch Abend erfuhr, dass ich schon am Donnerstag morgen, nicht wie erwartet erst ein bis zwei Wochen später, ins Krankenhaus geschickt würde - und diesmal unter deutlich schärferen Bedingungen und ohne zeitliche Begrenzung...

  

Weiter geht es bei "1. Klinik"!

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