Daheim

Die ersten Tage zu Hause waren vor allem aufregend. Ich musste mich wieder eingwöhnen, und vor allem hatte ich Angst vor der Schule:

Ich habe ziemlich Angst vor der Schule. Einfach vor dem, was ich zu den anderen sagen soll. Ich habe das Gefühl, dass mich das alles völlig überfordert. Das wird wahrscheinlich eins meiner wesentlichen Probleme sien: mir ist das alles zu viel und ich komme nicht mit klar. Und da soll das ganze Ess-Problem einfach ein stummer Hilfeschrei sein. Deshalb wünsche ich mir auch immer noch, so klein und zerbrechlich zu sein. Und solange ich das nicht in den Griff kriege, gibt das auch mit dem Essen nichts...
Jedenfalls steigt meine Angst vor Montag [mein 1. Schultag] immer weiter. So viel, was ich verpasst habe. Außerdem sind all die Gruppen schon so fest und zusammengewachsen, dass wahrscheinlich gar kein Platz mehr für mich ist. Ich weiß ja nicht mal, wo ich Montag hingehen und zu wen ich mich stellen soll. Ich hab so Schiss davor, dass ich am liebsten gar nicht gehen würde.

 

Der erste Schultag war dann auch nicht so besonders gut. Ich fühlte mich unsicher, allein, ausgeschlossen, und hatte Schwierigkeiten, irgendwo Anschluss zu finden. Außerdem musste ich innerhalb kürzester Zeit alles nachhholen, was ich im Unterricht verpasst hatte, da in vielen Fächern noch Kursarbeiten geschrieben wurden. So bestanden meine nächsten Wochen aus einer Mischung von ziemlich viel Stress und dem Versuch, in der Schule Anschluss zu finden. Dabei war ich jedoch so unsicher, was ich sagen und wie ich mich verhalten sollte, dass ich meist ziemlich ruhig war und nicht viel sagte.

Manchmal verhalte ich mich aber auch ein klein bisschen ungeschickt. In der Pause habe ich mitgekriegt, wie [ein Mädchen aus meiner Stufe] von ihrem USA-Aufenthalt erzählt hat. Hätte ich mich da einfach am Gespräch beteiligen sollen? [Jemand anderes] saß heute in Bibliothek. Ich habe sie aber erst gesehen, als ich schon saß, und habe mich nicht getraut, mich an ihren Tisch umzusetzen. Meine Güte, warum muss es nur so anstrengend sein, "Freundschaften" zu knüpfen und soziale Kontakte zu halten??? Wahrscheinlich kriege ich das nie auf die Reihe!

 

Bald gab es zwar einige Leute, mit denen ich oberflächlich Kontakt hatte, aber ich hatte das Gefühl, dass ich sie eher nerve, und dass es überhaupt keinen Unterschied machen würde, ob ich da bin oder nicht. Ich gehörte zu allen ein bisschen, aber nirgends richtig dazu, und fühlte mich meistens verdammt einsam. 

Auch mit dem Essen ging es sehr schnell abwärts. Die ersten Tage nahm ich, obwohl ich nicht weniger aß als in der Klinik, eher ab, sodass ich meinen Essplan steigerte. Nach zwei Wochen aber wog ich ohne erklärbaren Grund von einem auf den nächsten Morgen ein Kilo mehr. Panikartig aß ich kaum noch etwas, begann wieder, mich tagsüber mehrmals zu wiegen und joggte trotz starker Erkältung ziemlich lange in meinem Zimmer auf und ab. Nach zwei Tagen hatte ich das Kilo wieder abgenommen, aber ich traute mich trotzdem nicht, wieder mehr zu essen, und wog mich vor allem weiterhin mehrmals täglich. Zwar probierte ich mehrmals, es wieder bleiben zu lassen, aber spätestens am Nachmittag überkam mich das schlechte Gewissen, und ich gab alle guten Vorsätze auf. Ich hielt mich immer weniger an meinen Essplan, sondern aß nur noch danach, was die Waage zeigte. An manchen Abenden waren das mehrere Schokoriegel, an anderen reichte es nicht mal mehr für ein Abendbrot. Kurz vor Weihnachten begann ich die ersten Male, auch das Frühstück wegzulassen, was ich persönlich als einen großen Rückschritt ansah, weil ich mich nun nicht mal mehr an meine Hauptmahlzeiten hielt. An den Tagen, an denen ich kaum etwas aß, ging es mir ziemlich schlecht. Es kam mehrmals vor, dass ich schon gegen 20Uhr ins Bett ging, weil es mir so schlecht ging, dass ich einfach nur schlafen und damit nicht mehr an meine Probleme denken wollte. Es kam öfters vor, dass ich mich regelrecht in den Schlaf weinte. Immer wieder dachte ich daran, mich zu ritzen, hatte aber Sorge, dass meine Eltern dann behaupten würden, ich hätte mir das nur in der Klinik abgeguckt. Der Gedanke an sie war auch das einzige, was mich von ernsteren Selbstmodplänen abhielt:

Zwischendurch ging es mir wieder ziemlich schlecht. Hab eigentlich nur gedacht, dass ich keine Lust mehr auf dieses scheiß Leben habe. In keinerlei Altersstufe. Manchmal denke ich, wenn da nicht die anderen [meine Familie] wäre, wurde ich echt Selbstmord begehen. Aber ich will denen einfach nicht antun, mich zu verlieren. Den Gedanken, dass es immer wen geben wird, wegen dem ich nicht sterben kann, empfinde ich im Moment eigentlich nur als negativ. Warum hat mein blödes Herz nur im Sommer nicht schlappgemacht???

 

Dabei hatte ich mit meinen Eltern durchaus einige Probleme. Sie sprachen mich regelmäßig darauf an, ich hätte abgenommen, was mich ziemlich nervte. Sie sollten sich einfach aus meinem Leben raushalten! Außerdem hatte sich in der Klinik ein neues Problem ergeben, dessen Tragweite sich erst zu Hause wirklich zeigte: aus einem nicht klar definierbaren Grund hatte ich den Eindruck bekommen, dass ich, wenn ich friere, mehr Kalorien verbrenne. Im Laufe der Zeit zog ich daraus den Rückschluss, dass ich, wenn es warm war, nicht genug Kalorien verbrannte und deshalb unglaublich schnell unglaublich viel zunehmen würde. Also fiel es mir immer schwerer, mich in normal temperierten Räumen aufzuhalten, sodass ich immer möglichst viele Fenster aufmachte, was bei meiner (eher verfrorenen) Familie bald zu heftigen Streitereien führte. Kurz nach Weihnachten eskalierte der Streit das erste Mal, und meine Mutter schrie mich vor meiner Schwester total an:

Als ich zurückkam, schrie sie mich total an, wenn ich nicht in der Lage wäre, Eigenverantwortung zu übernehmen, würde sie mich halt wieder wie ein kleines Kind behandeln. Von ihr aus könnte ich ja verhungern und an Lungenentzündung sterben, wenn es dann nicht Probleme mit dem Jugendamt geben würde...

 

Insgesamt ging es mir immer schlechter, nicht unbedingt körperlich, aber psychisch. Ich erlaubte mir immer weniger zu essen, worüber ich immer mehr verzweifelte, und gleichzeitig machte ich mein Zimmer immer kälter, obwohl ich so fror, dass ich manchmal einfach nur auf meinem Bett saß und gar nichts machen konnte, weil mir so kalt war. Langsam nahm ich immer weiter ab, sodass ich vor jedem Termin mit meiner Therapeutin mehr und mehr Wasser trinken musste, damit sie das nicht bemerkt. Danach fühlte ich mich immer besonders furchtbar, und mir ging es schon Tage vor dem nächsten Termin immer schlechter, dafür dass mir die Gespräche überhaupt nichts brachten. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass wir unsere Zeit einfach nur absaßen.

Kurz nach Silvester begann ich immer öfters darüber nachzudenken, noch mal in eine Klinik zu gehen. Ich merkte immer mehr, dass ich selbst keine Chance hatte, es zu Hause zu schaffen, und dass es so, wie die letzten Wochen gelaufen waren, einfach nicht mehr weiterging. Auch in der Schule lief es immer schlechter, und ich gehörte entgültig nirgends mehr dazu, was meine Stimmung zusätzlich verschlechterte und mir das Gefühl gab, dass es auch hier nicht mehr weitergehen konnte wie bisher. Andererseits wollte ich nach meinen schlechten Erfahrungen auf keinen Fall noch einmal in eine Klinik. Ich konnte aber auch mit niemandem über diese Gedanken sprechen. Meine Eltern machten mir sowieso mit dem Essen immer mehr Druck. So fand ich eines Tages einen Zettel, auf dem meine Mutter genau ausgerechnet hatte, was ich gegessen hatte und wie viele Kalorien das waren. Sie drängte immer mehr darauf, dass sie mir einen Essplan zusammenstellte, was ich aber auf keinen Fall wollte, zumal ich das Gefühl hatte, dass sie sich mit Kalorien überhaupt nicht auskannte...

An einem Samstag Morgen Mitte Januar entschied ich mich, doch mit meiner Mutter zu reden. Zunächst reagierte sie eher verständnisvoll, drängte aber andererseits sehr darauf, dass ich in eine Klinik gehe. Sie und mein Vater hatten sogar schon jede Menge Info-Material besorgt, dass ich mir durchlesen sollte. Außerdem erstellte meine Mutter für mich einen festen Essplan. Am nächsten Morgen zwang sie mich gegen meinen Willen zum Frühstücken, und als ich mich danach übergab, erwischte sie mich dabei. Sie drohte mir, mich nicht mehr in die Schule zu lassen und mich am nächsten Tag wieder ins Krankenhaus zu schicken, was sie zum Glück aber doch nicht machte. Allerdings machten meine Eltern für Ende der Woche einen Besichtigungstermin in einer Fachklinik, deren Prospekte mir am ehesten gefallen hatten, aus. Bei dem Termin war ich zwar erstaunt, wie viel mehr Freiheiten man im Vergleich zu der 1. Klinik hatte (im Prinzip war es wie ein Hotel), aber gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass man unheimlich einsam und allein wäre. Außerdem fehlte mir inzwischen die Hoffnung, je wieder gesund werden zu können:

Ich habe doch ziemlich Zweifel, dass ich das hier daheim packe. Schon allein mit dem Gewicht nicht und erst recht vom Essen bzw. Gefühl dabei. Bloß habe ich ernsthafte Zweifel, dass die Klinik was daran ändern würde. Danach wäre ich doch auch kein bisschen anders als jetzt - allerhöchstens vielleicht auf einem klein bisschen höheren Level [im Bezug auf Essensmenge und Gewicht]. Aber der Glaube daran, dass ich je wieder gesund werde, normal essen kkann, mein Gewicht keine Rolle mehr für mich spielt und ich meinen Körper einfach akzeptieren kann - idealerweise sogar schön finde - die Hoffnung habe ich inzwischen aufgegeben...

 

Als ich Anfang der nächsten Woche nicht zugenommen hatte, verlor meine Mutter langsam die Geduld. Wir hatten an diesem Tag auch noch ein Gespräch bei meiner Therapeutin, und als sie hörte, dass ich in Wirklichkeit abgenommen hatte, bestand sie darauf, dass ich nicht mehr zu Schule gehe, bis ich wieder zugenommen habe. Einen Tag später entschied ich mich, Anfang Februar in die Klinik zu gehen, die ich mir angeguckt hatte. Damit hatte ich nur noch eine Woche zu Hause. In der ging es dafür aber mit dem Essen noch weiter bergab: ich aß kaum noch etwas, oder übergab mich; zumal der Druck, wieder zunehmen zu müssen, weg war. Außerdem bekam ich immer mehr Angst vor der Klinik, nicht wegen dem Essen, sondern weil ich noch weiter von zu Hause weg war, sodass mich meine Eltern nur selten besuchen könnten, und weil ich Angst hatte, dort auch sonst ganz allein zu sein. Gerade am letzten Abend vor meiner Abfahrt hätte ich alles dafür gegeben, daheim bleiben zu können...

  

Weiter geht's bei "2. Klinik"!

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