Wieder zu Hause

Zu Hause ging es mit dem Essen allerdings nicht lange gut. Als ich 4 Tage mit meiner Familie Urlaub machte, aß ich kaum etwas und nahm prompt 2kg ab. Wieder daheim erstellte ich mir meinen eigenen Essplan, was bedeutete, dass ich noch genauer Kalorien zählte, als ich es schon in der Klinik getan hatte. Langsam nahm ich immer weiter ab, bis ich nur noch etwas mehr wog als vor dem 2. Klinikaufenthalt.

Auch in der Schule lief es sehr gemischt. Noch immer gelang es mir nicht wirklich, feste Freunde zu finden. Die einzige Hoffnung war ein Mädchen, der ich regelmäßig Nachhilfeunterricht gab und mit der ich mich später auch so ein paar Mal traf. Ansonsten war ich weiterhin einsam, überlegte, auf ein Internat zu wechseln, entschied mich dann aber doch dagegen, weil ich das Gefühl hatte, dass ich auch dort nicht besser zurecht kommen würde. In den Sommerferien stellte mir meine ambulante Therapeutin ein Ultimatum: wenn ich nicht mehrere Kilos zunehmen würde, würde sie mich ins Krankenhaus schicken. Nach meinen schlechten Erfahrungen vor dem ersten Klinikaufenthalt war das für mich ein absolutes Horrorszenario, aber ich schaffte es trotzdem nicht, die geforderte Menge zuzunehmen. Allerdings traf ich in der letzten Ferienwoche eine Ernährungsberaterin, die mir sehr weiterhalf. Ich begann mir zu überlegen, warum ich eigentlich gesund werden wollte, und bekam dadurch eine unglaubliche Motivation. Ich wollte es einfach schaffen, gesund zu werden, endlich wieder zu leben! Meine Eltern bemerkten diese positive Veränderung und überredeten meine Therapeutin, dass ich doch zu Hause bleiben dürfte.

Einige Wochen lief das sehr gut. Ich aß mehr (wenn ich dabei auch weiterhin akribisch Kalorien zählte) und nahm zu, wenn auch nur ein Kilo. Dann kam ich allerdings mit der Zunahme nicht mehr klar. Ich fühlte mich dick, meine Hosen wurden immer enger und ich fühlte mich parallel in der Schule immer unwohler. Seit den Ferien fiel mir besonders stark auf, wie wenig ich dazu gehörte, und ich fühlte mich immer einsamer und verzweifelter. Ich hätte so gerne jemanden gehabt, mit dem ich reden könnte! Meine Depressionen wurden immer stärker, und ich dachte immer öfter an Selbstmord. So konnte es einfach nicht mehr weitergehen!

In den Herbstferien waren wir in Schottland, was mich sehr an meine Zeit in England erinnerte. Ich wollte wieder in ein Internat, weil ich es zu Hause immer weniger aushielt. Und dann kam mir die Idee, stattdessen in eine betreute Wohngruppe für Essgestörte zu gehen. Schließlich lief es mit dem Essen immer schlechter, und ich wollte doch gesund werden! Meine Eltern waren von der Idee nicht besonders überzeugt, erklärten sich aber trotzdem bereit, sich mit mir eine Klinik und eine Wohngruppe, die ich mir im Internet rausgesucht hatte, anzuschauen. 


Wenige Wochen nach dieser Besichtigung starb überraschend mein Großvater. Meine Beziehung zu ihm war nie besonders eng gewesen, aber diese direkte Konfrontation mit dem Thema Tod war für mich ein guter Schock, was meine Selbstmordgedanken anging. Mir wurde klar, was Tod eigentlich bedeutet, vor allem für meine Familie. Meine Depressionen blieben zwar, aber meine Selbstmordgedanken verschwanden mehr oder weniger automatisch.


Während den Weihnachtsferien nahm ich zunächst gewollt, dann ungewollt ab, bis ich wieder beim Gewicht der Sommerferien war. Nach den Ferien war das Gespräch beim Jugendamt, in dem die Finanzierung der Wohngruppe geklärt werden sollte. Aber auf einmal wurde ich mir immer unsicherer, ob ich das noch wollte. Immerhin war es nur noch ein knappes Jahr bis zum Abitur. Wollte ich das alles wirklich aufgeben? Schließlich entschied ich mich, zu Hause zu bleiben und stattdessen in den Sommerferien in eine Klinik zu gehen.


Die Zeit bis zum Sommer bestand dann eigentlich nur aus auf die Klinik warten. Ich aß schrittweiße immer weniger, nahm immer mehr ab und wurde immer unglücklicher. In der Schule fühlte ich mich zwar ein klein bisschen wohler, hatte zumindest während dem Unterricht das Gefühl, halbwegs dazuzugehören. Aber in meiner Freizeit saß ich weiterhin meistens allein zu Hause und konnte meine Verabredungen, seit ich wieder zu Hause war, an einer Hand abzählen. Die einzige, mit der ich mich ab und zu traf, war das Mädchen, der ich Mathe-Nachhilfe gegeben hatte. Sie war zu meiner einzigen richtigen Freundin geworden.

 

 



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