Meine Kindheit

Die ersten Jahre

Als ich im Oktober 89 geboren wurde, war ich das lang ersehnte Wunschkind meiner Eltern. Nachdem es lange gehießen hatte, meine Mutter könne keine Kinder bekommen, waren sie besonders froh, nun doch eine Tochter zu haben. Die Fotos aus dieser Zeit sind alle sehr harmonsich und glücklich, und auch wenn meine Eltern von damals erzählen, klingen sie immer begeistert. Anderthalb Jahre später wurde mein Bruder geboren, und soweit ich weiß, waren wir weiterhin insgesamt recht glücklich. Meine erste eigene Erinnerung hatte ich, als ich ungefähr 2 Jahre alt war: meine Mutter, mein Bruder und ich waren alle drei krank, und meine Mutter hatte sich mit einer Matratze in unserem Kinderzimmer auf den Boden gelegt. Das gefiel mir so gut, dass ich danach jedes Mal, wenn ich wieder krank war, darauf hoffte, sie würde wieder bei uns liegen, was sie allerdings nie wieder machte. 1993 wurde meine Schwester geboren, und ein Jahr später kam ich - erst mit fast 5 Jahren, da vorher kein Platz frei gewesen war - in den Kindergarten. Auch hieran habe ich eigentlich nur positive Erinnerungen. Soweit ich weiß, hatte ich viele Freunde, und ich kann mich nicht daran erinnern, im Kindergarten je unglücklich gewesen zu sein.

Über mein Leben zu Hause kann ich insofern nur wenig Objektives sagen, da man als kleines Kind seine Eltern ja noch nicht hinterfragt, sondern das, was sie machen, als richtig hinnimmt. Ich weiß noch, dass wir ab und an einen Klaps auf den Po bekamen, und wenn wir uns ganz schlecht benahmen, wurden wir ohne Abendbrot ins Bett geschickt. Manchmal sind wir auch in unsere Zimmer eingesperrt worden. Eine dicke Schramme in meiner damaligen Zimmertüre zeugt noch heute von meinem Versuch, mit dem Lattenrost meines Puppenbettes die Türe zu durchstoßen. Auch sonst wurden wir recht streng erzogen, aber da ich immer ein unkompliziertes Kind war, das meistens das tat, was man ihm sagte, war das zunächst kein großes Problem für mich. 1996 wurde mein zweiter Bruder geboren, womit unsere Familie komplett war.

 

Grundschule

Auch meine Erinnerungen an die Grundschule sind auf den ersten Blick sehr harmonisch. Wenn ich aber genauer darüber nachdenke, fallen mir einige nicht so glückliche Momente ein. Als ich neu in der 1. Klasse war, wurde ich immer wieder gefragt, wieso ich so klein sei. Ich war schon immer ein sehr kleines Kind, und da ich bei meiner Einschulung noch keine 6 Jahre alt war war ich noch mal kleiner als meine Klassenkameraden. Bei der Einschulungsuntersuchung war ich nur 98cm groß. Irgendwann hörten diese Fragen aber auf, und niemand störte sich mehr an meiner Größe. Nach einiger Zeit muss ich jedoch eher einsam geworden sein, denn in einem Aufsatz aus der 2. Klasse beschreibe ich, dass ich in den Pausen auf dem Schulhof immer allein war. So lernte ich schon früh Einsamkeit kennen, ein Gefühl, das mir bis heute oft zu schaffen macht. Als ein ausländisches Mädchen, die kein Wort Deutsch sprach, in unsere Klasse kam, brachte ich ihr Deutsch bei, und dadurch wurden wir enge Freundinnen. In der 4. Klasse zog sie jedoch weg, und ich war wieder allein. Inzwsichen bemerkte ich auch erste Auswirkungen der Erziehung meiner Mutter: sie verbot uns streng, fernzusehen oder moderne Musik zu hören, sodass ich bei diesen Themen nie mitreden konnte. Ich wurde sehr schnell einsam, saß in meiner Freizeit immer nur in meinem Zimmer, weil ich niemanden hatte, mit dem ich spielen konnte, und rechnete bei meinen Zeugnissen immer damit, dass statt dem Satz "Sie versteht sich sehr gut mit ihren Mitschülern" nun auf einmal stände, ich sei nicht mehr in die Klasse integriert. Scheinbar schien aber niemand etwas von meinen Problemen zu merken, sodass diese auch nie angesprochen wurden.

 

Gymnasium

Meine wirklichen Probleme begannen als ich aufs Gymnasium wechselte. Ich weiß noch gut, wie schon im Einschulungsgottesdienst überall hinter mir getuschelt wurde, so ein kleines Mädchen könnte doch unmöglich in die 5.Klasse kommen. In den nächsten Tagen und Wochen wurde ich immer wieder nach meiner Größe gefragt und jahrelang zeitweise von Klassenkameraden, vor allem aber von älteren Schülern damit aufgezogen. Sprüche wie "Na, wie ist die Luft da unten?" gehören noch zu den harmlosesten Bemerkungen. Ich hatte in der Grundschulzeit völlig vergessen, dass ich kleiner als alle anderen war und war überhaupt nicht darauf vorbereitet, deswegen so angegriffen zu werden. Nach einigen Wochen wurden aber noch mehr Probleme immer größer: in meiner neuen Klasse war nur ein Mädchen aus meiner Grundschule und die suchte sich sehr bald andere Freundinnen und wollte mit mir nur noch auf dem gemeinsamen Heimweg, aber nicht in der Schule etwas zu tun haben. Ich dagegen fand in der neuen Klasse keinen Anschluss. Wieder war das größte Problem, dass ich bei den Hauptgesprächsthemen, Filmen und Stars, nicht mitreden konnte, und dadurch - in Kombination mit meinen hervorragenden Noten - als komisch auffiel. Im Rückblick kann ich gut verstehen, dass meine Klassenkameraden nicht viel mit mir anfangen konnten: ich trug komische Klamotten (alle von meiner Mutter ausgesucht, und oft noch mit Teddybären und ähnlichen Motiven), war viel zu klein, konnte bei keinem Thema mitreden und interessierte mich stattdessen für andere Themen (lesen, Puppen spielen), mit denen sie nichts anfangen konnten.

Ich merkte ziemlich bald, dass ich anders war und deshalb so ausgeschlossen wurde, und während ich in der Schule verdammt einsam war und am liebsten einen Privatlehrer gehabt hätte, um dort nicht mehr hingehen zu müssen, nahm ich mir gleichzeitig vor, mehr wie die anderen zu werden. In meiner Naivität habe ich mir das anfangs ganz einfach vorgestellt: ich würde zu meiner Mutter gehen und sagen, ich möchte auch gerne fernsehen, moderne Musik hören, modische Klamotten anziehen und mir Strähnchen, die in unserer Klasse gerade besonders "in" waren, machen lassen. Doch meine Mutter lehnte all das strikt ab. Die nächsten Jahre verbrachten wir zum Großteil im Streit, in dem ich mir jedes kleine Recht mühsam erkämpfen musste. Mein erster Erfolg war in der 6. Klasse eine eigene Stereoanlage, und irgendwann erlaubte mir meine Mutter, mir eine rote Strähne zu machen. Der Kampf um die Klamotten gestaltete sich deutlich schwieriger. Erst als ich mich in der 7.Klasse weigerte, die Sachen anzuziehen, die mir meine Mutter gekauft hatte und die mir nicht gefielen, und stattdessen den ganzen Winter immer die gleiche Hose (die erste, die ich mir selbst ausgesucht hatte und die einzige, die halbwegs modisch war) trug, akzeptierte sie meinen Wunsch langsam. Am anstrengensten aber war der Kampf ums Fernsehen. Hier blieb meine Mutter absolut unnachgiebig, und das Problem löste sich erst, als ich mir in der 9.Klasse gegen ihren Willen meinen eigenen TV kaufte. Auch sonst hatten wir andauernd Streit, oft auch über alltägliche Kleinigkeiten wie die Frage, wann ich ins Bett muss. Während mein Vater mich weitgehend unterstützte, allerdings abends immer erst nach 20Uhr von der Arbeit nach Hause kam, sodass er mir im Alltag nicht allzu viel helfen konnte, standen meine Geschwister absolut auf der Seite meiner Mutter, und waren mir grundsätzlich auch böse, wenn meine Mutter das war. Noch heute verlaufen die Konfliktlinien bei uns meistens so: mein Vater unterstützt mich, meine Geschwister sind, oft ohne auch nur zu wissen, worum es eigentlich geht, auf der Seite meiner Mutter.

In der Schule wurde es auch nicht einfacher für mich. In der 6.Klasse interessierte sich meine Freundin aus der Grundschule wieder mehr für mich, doch im nächsten Schuljahr ließ sie mich ohne erkennbaren Grund wieder links liegen. Während mich alle anderen bis dahin zwar geschnitten, aber nur in kurzen Phasen und nicht besonders schlimm gemobbt haben, änderte sich das in der 7.Klasse. Der Höhepunkt war eine Aktion, in der ein Junge ein Plakat ausdruckte, auf dem ein kleines Strichmännchen von einer riesigen Hand zerdrückt wird. Darunter stand "[mein Name], Maßstab 1:1". Dieses Plakat kopierte er und verteilte es in der ganzen Klasse. Während ich bis dahin mit niemandem über meine Probleme gesprochen hatte, verlor ich zu diesem Zeitpunkt die Geduld und legte das Plakat kommentarlos meinem Klassenlehrer auf dessen Tisch. Nachdem er mit der Klasse gesprochen hatte, hörte das Mobbing wieder auf, aber die anderen ignorierten mich weiterhin.

Meine ersten regelmäßigen Tagebucheinträge stammen aus dem Jahr 2001, also als ich in der 6. Klasse war. Sie zeigen, wie unglücklich ich schon damals war, dass ich sogar schon Selbstmordgedanken hatte: 

Freitag, 5.1.

Inzwischen ist Mami auch richtig dämlich geworden. Sie keift nur noch rum und die Krönung ist: Ich soll wieder um halb 9 einfschlafen!!! Das ist 3.-Klässler-Schlafenszeit, aber in meinem Alter schläft man um 11 ein. Außerdem findet sie es eine Unverschämtheit, dass ich mit Papi vor dem Fernsehr geschmust habe (was eine pure Lüge ist), während sie schon ins Bett gegangen ist. Also wenn das so weitergeht, gibt es für mich nur noch 2 Dinge: Entweder Selbstmord oder ich gehe ins Internat...

 

Beinahe noch konkreter sind meine Selbstmordpläne am 2. Weihnachtstag 2001 gewesen. Ich habe die Ursache des Streites, aus dem dieser Entschluss resultierte, nicht festgehalten und kann mich heute auch nicht mehr daran erinnern, aber meine Entscheidung, mich umzubringen, war so konkret, dass ich sogar ein kleines Testament geschrieben habe...
Auch sonst war meine Wahrnehmung vom Leben nicht unbedingt positiv. Das Bild im zweiten Absatz spielt auf ein Bild aus meinem damaligen Religions-Buch an, das mich sehr fasziniert hat: im Vordergrund sah man ein wunderschönes, großes, prunkvolles Haus, vor dem alle Leute bewundernd stehen blieben. Allerdings war dieses nur ein Bild auf einer Leinwand, und dahinter stand eine kleine, heruntergekommene Wellblechhütte. Ähnlich sah ich meine Versuche, den Menschen um mich herum klar zu machen, dass ich genauso bin wie sie, obwohl ich das zu meinem Bedauern beim besten Willen nicht war.

Montag, 18.6.

Was ist der Sinn des Lebens? Diese Frage beschäftigt mich, doch ich kann trotz bestem Willen keine Antwort finden. Mir kommt das Leben auf einmal so völlig langweilig und stumpfsinnig vor. Bin ich hier schon so abgestumpft? Wenn ich wenigstens in Dresden wohnen würde! Ich weiß auch nicht, warum ich mich so nach dem Großstadtleben sehne. Tatsache ist, dass es mir hier [zu Hause] nicht mehr gefällt- Immerhin wünsche ich mich nach jeden Ferien an den Ferienort zurück!

Aber ich lasse niemanden außer dich, liebes Tagebuch, hinter meine Mauer. Auf ihr steht, wie ich sein möchte: modisch, ein Star der Klasse... Meine Mauer ist wie eine Fassade: schön und hoch, aber dahinter steht ein kleiner, schäbiger Kasten. Das Problem ist nur, dass viele den Kasten noch vor dem Fassadenbau kennengelernt haben. Doch hinter meine Fassade lasse ich niemanden gucken. Keiner kann sehen, wie der Kasten in kleinen Schritten und mit einem Gegner (Mami) schöner wird. Ich hoffe, dass ich eines Tages die Fassade abreißen kann, denn man bekommt doch raus, was hinter der Fassade ist, und außerdem: Wo man nicht reingucken kann, kann man auch nicht rausgucken. Daher sehe ich nicht, wie die neuen Häuser sind. Also muss ich meine Fassade noch ein Stückchen höher bauen, sehe weniger, muss sie noch höher bauen... Das ist mein Teufelskreis, und ich habe das Gefühl. dass es noch schlimmer wird...

 

In dieser Zeit wurde für mich das Thema Essen zum ersten Mal relevant. In der Schulkantine gab es Süßigkeitenautomaten, und nachdem meine Mutter uns immer nur eine Süßigkeit pro Tag erlaubte, kaufte ich mir hier massenhaft alles, worauf ich Appetit hatte. Selbst im Unterricht futterte ich die meiste Zeit Bonbons, Gummibärchen und Schokolade. Das Ergebnis war natürlich, dass ich zunahm. Ich glaube nicht, dass ich je richtig dick war, aber ich hatte schon meine "Rettungsringe", und obwohl für mich Aussehen und Figur bis dahin nie ein Thema gewesen war, fühlte ich mich bald fett. Immer wieder nahm ich mir vor, weniger zu naschen, aber ich konnte der Schublade mit Süßem nie lange widerstehen. Zwar hätte ich die Süßigkeiten in die Küche stellen können, doch dann hätten sich meine Geschwister davon bedient und das wollte ich auf gar keinen Fall. So endeten meine "Diät-Versuche" allesamt gleich erfolgslos:

Mittwoch, 25.4.

Liebes Tagebuch, ich wollte ja abnehmen, aber ich geb's auf. Kaum esse ich ein bisschen Schokolade, da bekomme ich wieder Speckfalten. Aber Mami will mir helfen. Eigentlich komme ich ja ohne Süßigkeiten aus, aber wenn ich in der Mensa vor dem großen Automaten voll mit leckersten Süßigkeiten stehe, dann kann ich nicht mehr. Morgen werd ich mir ne Pepsi kaufen, wenn große Pause ist. Ach Diät, bleib wo der Pfeffer wächst!!! Ich bin schließlich kein Model...

Mittwoch, 9.5.

Ich würde gerne abnehmen, aber mir Süßigkeiten ist es wie mit Drogen, nur dass sie leider keinen Rausch haben. Ich glaube, wenn mir jetzt jemand Drogen anbieten würde, ich würde sie nehmen.

 

Die 8.Klasse war für mich ein Auf und Ab der Gefühle. Einerseits war ich glücklich, dass meine Freundin sich wieder für mich interessierte, andererseits begann ein Junge aus meiner Klasse, mich wieder zu mobben. Sein Lieblingsspiel war es, mir Sachen aus meinem Ranzen zu klauen und sie so hoch vor mich zu halten, dass ich nicht drankam. Erst nach längerem erzählte ich meinen Eltern davon, und bis meine Klassenlehrerin das Problem in den Griff bekam, dauerte es noch mal länger. Zu dieser Zeit begann ich, mich weniger zu melden, und vor allem immer leiser zu sprechen, was mir zusätzlich Probleme bereitete.

Andererseits verliebte ich mich in dieser Zeit zum ersten Mal. Das begann damit, dass ein Junge einfach nur einen netten Kommentar zu mir machte. Von da an fragte ich mich, ob er wohl in mich verliebt sei, und verknallte mich darüber selber in ihn. Allerdings hätte ich mich nie getraut, ihm das in irgendeiner Form zu zeigen, geschweigedenn ihn anzusprechen. So verbrachte ich über ein halbes Jahr damit, jeden Blick, jedes Wort von ihm zu mir zu interpretieren, ob er wohl an mir interessiert sei. Obwohl ich bald merkte, dass das nicht der Fall war, gab ich die Hoffnung nicht auf. Erst nachdem er 3 andere Freundinnen gehabt hatte, akzeptierte ich langsam, dass er nichts von mir wollte. Heute vermute ich, dass er nie auch nur ahnte, dass ich an ihm interessiert war. Wie sollte er auch, wenn ich ihm das so absolut nicht zeigte?
Im Großen und Ganzen war ich zu dieser Zeit aber nicht besonders glücklich, was sich recht eindeutig in meinen Tagebucheinträgen zeigt:

19.1.03

Manchmal frage ich mich, was das Leben für einen Sinn macht. Ich entdecke nichts, was mir am Leben Spaß macht. Das mit XY [der Junge, in den ich verliebt war] ist wahrscheinlich eh nur eine Illusion. Ich werde wohl nie einen Freund finden.

5.2.03

"She's just a supergirl, and supergirls don't cry". Diesen Satz hab ich heute im Radio gehört. Er geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich muss daran denken, dass ich trotz dem vielen Tollen, was ich habe, oft nicht glücklich bin und das nicht zeigen kann...

8.11.03

Ich versuche, es ihm [meinem jüngsten Bruder] so gut wie möglich zu machen, ihn zu verteidigen, trösten, ihm Modekram zu kaufen, und ihm vor allem Liebe zu geben, Damit es ihm nie so geht wie mir. Woher kommt denn mein mangelndes Selbstvertrauen? Weil ich immer nur korrigiert und angemeckert wurde, immer alles falsch gemacht und nie ein Wort des Lobes gehört habe. Und wieso kann ich mich nicht verlieben? Weil ich nie Liebe erfahren habe und niemanden zum Lieben hatte. Ich habe nie gelernt, Gefühle wirklich anderen zu zeigen...

 

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