Magersüchtig...

An der Unzufriedenheit mit meiner Figur änderte sich seit der Unterstufe nicht mehr. Auch sonst fand ich mein Aussehen, vor allem mein Gesicht und meine Kleidung, furchtbar. Ich experimentierte immer mal wieder mit Make-up rum, aber die Ergebnisse waren nie überzeugend. Schon seit Jahren interessierte ich mich für Abnehm-Tipps, an die ich mich jedoch nie länger als ein paar Stunden hielt, und träumte davon, mir sobald ich volljährig wäre an den Beinen Fett absaugen zu lassen. Von der Krankheit Magersucht erfuhr ich das erste Mal in der 7. Klasse durch einen Text im Religionsbuch, und schon damals faszinierte sie mich auf unerklärliche Weise, auch wenn ich die Aussage der Betroffenen, dass sie nie wieder ganz normal wie vorher essen könne, beim besten Willen nicht verstehen konnte. Von da an las ich alle Zeitungsartikel über Magersucht und wusste bald sehr genau darüber bescheid.

Im Sommer 2003 fuhr ich mit meiner Konfi-Gruppe für einige Tage auf Konfi-Fahrt. Auch in dieser Gruppe war ich nicht besonders glücklich. Einige meiner Kindergarten-Freundinnen waren ebenfalls dabei und ich hatte gehofft, dass wir schnell wieder gute Freundinnen wären, doch die anderen waren zu ihrer festen Gruppe zusammengewachsen, in der ich störte. Auf der Hinfahrt im Bus las ich in einer Bravo einen Ratgeber, was man machen könne, um sich schöner zu fühlen. Aus irgendeinem Grund kam ich auf die Idee, dass ich doch einfach ein bisschen abnehmen könnte. Das würde garantiert viel mehr helfen als jeder andere Trick. Ich wusste damals im Prinzip nur zwei Sachen übers Abnehmen: Zucker und Fett macht dick und je mehr man isst, desto dicker wird man. Außerdem hatte ich im Hinterkopf, dass Obst besser für die Figur ist, aber ich fand eine andere Variante deutlich effektiver: gar nichts essen. Das Essen in der Jugendherberge war schlecht, ich starb fast vor Heimweh, und überraschenderweise machte es mir überhaupt nichts aus, nur ganz wenig zu essen. Ich weiß heute beim besten Willen nicht mehr, wie viel oder wenig es damals wirklich war, aber ich kann mich an mindestens einmal erinnern, wo mir ein klein bisschen schwindelig wurde, was ich als gutes Zeichen wertete. An mir selber oder im Spiegel sah ich allerdings gar keine Veränderung. Als ich nach Hause kam begrüßte mich meine Mutter mit der Bemerkung, ich sei aber dünn geworden, sodass ich schon abgenommen haben muss. Da ich mich damals aber noch überhaupt nicht wog, weiß ich nicht, ob und wie viel ich wirklich abgenommen habe.
Meine Mutter hatte zu meiner Begrüßung Waffeln mit Milchreis und Kirschen gemacht. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, auch weiterhin weniger zu essen, aber dieses Begrüßungsessen, was es bei uns sonst nie gab, schmeckte mir so gut, dass ich alle guten Vorsätze über Bord warf.

Auch während des restlichen Sommers machte ich keine weitere Diät. Ich aß zwar keine Süßigkeiten mehr (aus irgendeinem Grund hatte ich kein Verlangen mehr danach), aber ansonsten war alles wie bisher. Allerdings achtete ich jetzt mehr auf mein Aussehen. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, in den Sommerferien meinen ersten Freund zu finden und kaufte mir dementsprechend kurze Röcke und neues Make-up. Der Versuch scheiterte kläglich, aber ich achtete weiterhin mehr auf mein Äußeres. Mit meinem Oberkörper konnte ich mich gerade während den Sommerferien sogar anfreunden, zumal man ansatzweiße meine Rippen sah. Nur meine Beine fand ich immer noch zu dick, aber ich konnte damit leben. Zu diesem Zeitpunkt spielte auch die Waage noch überhaupt keine Rolle in meinem Leben. Ich weiß noch, wie ich für meinen ab dem nächsten Sommer geplanten England-Aufenthalt in einem Fragebogen mein Gewicht angeben musste, aber tagelang jeden Morgen wieder vergaß, mich vor dem Frühstück zu wiegen...

Nach dem für meine Verhältnisse glücklichen Sommer begann die Schule mit einer neuen Katastrophe: meine Grundschul-Freundin, die trotz aller Hochs und Tiefs immer neben mir gesessen hatte, suchte sich auf einmal einen anderen Sitzplatz. Auch sonst ließ sie mich wieder links liegen und suchte sich stattdessen andere Freunde. Ich war wieder allein, und ziemlich einsam und unglücklich. Ein anderes Mädchen war zwar bereit, sich zumindest in der Schule mit mir abzugeben, aber ich hatte nur das Gefühl, dass sie mich davon abhielt, dass mein Verhältnis zu meiner Grundschul-Freundin wieder besser wurde. Irgendwann begann ich, auch das Aussehen des anderen Mädchen (sie war beim besten Willen nicht dick, aber doch eher kräftiger) abstoßend zu finden. Wenn ich jetzt an mein Verhalten von damals denke, habe ich ihr verdammt unrecht getan. Sie war für mich da, sie wäre bereit gewesen, Zeit mit mir zu verbringen, und sie war die einzige, die mich, als ich begann abzunehmen, darauf angesprochen hat. Von daher tut mir mein Benehmen ihr gegenüber heute wirklich leid - aber ich traue mich nicht, ihr das zu sagen...

Jedenfalls ging es mir in diesem Herbst ziemlich schlecht. Ich bemerkte, dass ich Depressionen hatte und suchte darüber viele Informationen im Internet, die diese Vermutung bestätigten, doch ich traute mich einfach nicht meinen Eltern zu sagen, dass ich ein Problem hatte und gerne eine Therapie machen würde, obwohl ich mir das eigentlich echt wünschte. Stattdessen begann ich, hier und da mal "zufällig" ein Abendbrot ausfallen zu lassen. Ich hatte dazu keinen konkreten Grund und dachte nicht mal daran, dadurch abnehmen zu können, sondern wollte einfach nur mal gucken, was passiert. Und zu meiner Überraschung merkte ich, dass es eigentlich gar keinen Unterschied machte, ob ich etwas aß oder nicht. Mit meiner Figur war ich zwar wieder deutlich unzufriedener (nach einem Austausch in Paris hatte ich - auch ohne Waage im Spiegel sichtbar - wieder zugenommen), aber zu dieser Zeit beschäftigte mich das nicht so sehr. In den Herbstferien hatte ein Teil eines Buches, dass ich mir in England gekauft hatte, zufälligerweiße mit Magersucht zu tun, was mich beim Lesen doch faszinierte, aber keinen bleibenden Eindruck hinterließ.

Den Tag, als ich den folgenschweren Entschluss fasste, abzunehmen, kann ich heute noch genau beschreiben, auch wenn ich nicht mehr das genaue Datum weiß: ich war Winterstiefel kaufen und die meisten konnte ich nicht ganz zumachen. Für mich war das ein eindeutiger Beweis, dass meine Beine einfach zu dick seien und ich beschloss abzunehmen. Ich will hier keine konkreten Gewichtszahlen nennen, um nicht zu triggern, aber mein BMI lag schon zu dem Zeitpunkt knapp unter 17,5. Ich wusste zwar schon, wie man den BMI berechnet und wusste auch, dass ich danach schon untergewichtig war, aber ich tat das mit dem Argument, ich sei ja noch in der Pubertät, ab. Wieder wollte ich meine Diät so radikal wie möglich zu machen, wobei ich allerdings aufpassen musste, dass meine Eltern nichts bemerken. Da wir zu allen Mahlzeiten gemeinsam essen und meinen Eltern erstaunlich schnell auffiel, dass ich immer weniger aß und sie dementsprechend protestierten, begann ich, abends in meinem Zimmer zu joggen. Außerdem wog ich mich, so oft das ging, ohne dass meine Eltern es bemerkten und holte die Waage unter einem schwachen Vorwand schließlich ganz in mein Zimmer. Zu Weihnachten bekam ich ein neues Tagebuch geschenkt, in dem ich, nachdem ich monatelang nicht mehr geschrieben hatte, meine Gefühle wieder festhielt:

25.12.03

Ich muss einfach was wegen meiner Figur machen. Vor allem meine Unterschenkel müssen dünner werden. Am liebsten wäre ich magersüchtig. Diese Mädchen sind soooo schön dünn! Aber das geht nicht, wegen England. Wenn ich wegen Unterernährung umkippe und vielleicht sogar ins Krankenhaus muss, dürfte ich sicher nicht gehen, selbst wenn ich wieder ok wäre. Trotzdem muss ich was mit meinem Gewicht machen. Ich habe allein in der letzten Woche 300g zugenommen. Über Weihnachten denke ich lieber gar nicht nach. Dabei will ich wenigstens mein Gewicht halten und dann auf XXkg runterkommen. Und v.a. müssen meine Beine dünner werden!

 

Außerdem habe ich Abnehmpläne und meine ersten selbstauferlegten Essensregeln festgehalten. Zwischendrinnen plagten mich aber immer wieder Zweifel, ob ich das wirklich wollte:

28.12.03

Ich hör mit dem ganzen Diätquatsch auf. Was bringt das denn? Ich kann ganz viel, was ich essen möchte, nicht essen und muss jeden Abend laufen, dafür, dass es nichts bringt. Sehen tut man nichts sowieso nichts und gestern habe ich sogar 300g zugenommen, trotz Laufen. Ich bin doch so schön, wie ich bin!

 

Bald aber setzte sich mein Wunsch, abzunehmen, durch, und ich hielt nur noch fest, wie ich meine "Wenig-Ess-Rekorde" immer wieder unterbat. Gleichzeitig beschrieb ich aber weiterhin meine eigentlichen Probleme:

Beim Fernsehen hat mich so ein komisches Gefühl überkommen, eine Sehnsucht nach etwas, was mir fehlt. Liebe? So ne richtige Freundin? Egal ob das eine oder das andere, beides oder was ganz anderes, jedenfalls sehne ich mich nach angenommen werden und Geborgenheit.

Warum ich mich nicht mehr verliebe? Ich weiß es selber nicht. Weil ich selber in meiner Kindheit nur wenig Liebe abbekommen habe und sie deshalb schlecht weitergeben kann? Realistischer klingt die zweite Version: Niemand hat Lust, mich anzuflirten, egal ob wegen Ausstrahlung, Aussehen, Größe oder sonstwas. Und von nichts kommt halt nicht.

Nein, ich bin nicht mit mir zufrieden. Schon allein weil ich immer so einen Scheiß quatsche. Die Leute müssen mich ja für bescheuert halten. Wie gerne würde ich ein paar Mal die Uhr zurückdrehen und was besseres sagen!

Ich wär gerne mehr wie die anderen: selbstbewusst, nur Gutes sagend, integriert, eine Superfreundin und am besten auch noch nen Freund. Aber ich weiß auch, dass ich nie so werden werde. Warum nur? Was habe ich falsch gemacht?

Heute macht mir das mit meinen Freundinnen besonders viel aus. Was bringt es z.B., wenn ich mit [meiner Grundschulfreundin] die Klassenfahrt [im Mai 04] ganz toll plane? Sie wird mit [einer anderen] rumhängen und ich werde die langweilige [das Mädchen, die mit mir zu tun haben wollte] haben. Warum tut sie mir das an? 4 ist einfach eine zu viel. Die anderen 3 gehören zusammen und ich bin außenvor. Wenn ich erst in England bin werden sie mich garantiert nicht vermissen. Und wenn ich zurückkomme werden sie finden, dass es ohne mich viel besser ging. Und ich bin entgültig Außenseiterin...

Ich würde mich echt gerne mal von außen sehen. Ganz ehrlich wissen, was andere über mich denken. Vielleicht habe ich zu wenig Selbstvertrauen. Oder bin zu negativ / depressiv. Oder beides. Denn dass ich Depressionen habe weiß ich jetzt. Ich habe einen Artikel im [Zeitschrift] gelesen. Und ich habe einige der Symptome: oft Kopfschmerzen, Hoffnungslosigkeit, Lustlosigkeit, Gewichtsverlust bzw. Sorge ums Gewicht... Macht 4 Punkte. Bei 5 hat man starke Depressionen. Aber Mami und Papi werden das nicht merken. Obwohl ich den Artikel aufgeschlagen hingelegt habe. Dabei hätte ich gerne ärztliche Hilfe, um das Leben wieder schöner zu finden. Aber Mami und Papi sagen kann ich das einfach nicht...

Warum will ich dauernd allen von meinen Problemen erzählen? Um Aufmerksamkeit zu bekommen? Wegen meinem totalen Selbstmitleid? Weil ich mir so doll wünsche, einfach mal in den Arm genommen zu werden? Ich bin echt superdepressiv...

Eigentlich ist Magersucht echt cool: ich werde endlich dünn und bekomme ganz nebenbei noch meine Aufmerksamkeit...

 

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