1. Klinik

Die folgende Woche war wohl eine der schlimmsten meines Lebens. Die Regeln waren dieses Mal ganz klar: ich musste 3kg zunehmen, um in die Klinik verlegt zu werden. All meine persönlichen Sachen, sogar Mutmach-Briefe von meiner Familie, wurden mir bei meiner Aufnahme abgenommen, und jeden Tag, an dem ich zugenommen habe, durfte ich mir einen Gegenstand aussuchen, den ich wiederbekam. Sollte ich abnehmen, würde ich eine Magensonde bekommen. Außerdem wurde ich an einen Herzmonitor angeschlossen, um nicht heimlich Sport machen zu können, bei jedem Toilettengang überwacht, nur rückwärts gewogen und durfte keinen Kontakt zu meinen Eltern haben. Ich glaube, den ersten Tag habe ich einfach nur die ganze Zeit geweint. Beim Abendessen ließ ich mir extra viel Zeit, um beschäftigt zu sein, doch nach einer halben Stunde wurde mir das Tablett ohne Vorwarnung abgenommen - und ich hatte noch nicht mal einen Bruchteil davon gegessen. Dementsprechend hatte ich am nächsten Tag ganz offensichtlich abgenommen, denn ich bekam die gefürchtete Magensonde. Danach aß und trank ich einfach nur noch alles, was mir hingestellt wurde, auch wenn das dazu führte, dass ich mich die meiste Zeit vor Bauchschmerzen kaum rühren konnte. Ich wollte einfach nur aus diesem Krankenhaus raus, meine Sachen wiederhaben und vor allem mit meinen Eltern telefonieren können!!! In den nächsten Tagen nahm ich dann scheinbar auch zu, da ich jeden Tag einen Gegenstand wiederbekam, doch ich kam weiterhin vor Heimweh fast um. In dieser Woche habe ich oft überlegt, mich umzubringen. Ich hatte sogar schon meinen Fön auf den Waschbeckenrand gelegt, um ihn in einem unbeobachteten Moment unter Wasser halten zu können, und mit meinem Lippenstift auf einem Tempo einen Abschiedsbrief an meine Eltern geschrieben. Aber irgendwie hielt ich dann doch durch, und nachdem ich innerhalb einer Woche sogar 4kg zugenommen hatte, wurde ich in die Klinik verlegt.

Allerdings merkte ich bald, dass deutlich zu viel Hoffnung hierein gesteckt hatte. Den ersten Schock erfuhr ich, als ich hörte, dass alle anderen von der Station schon monatelang, teilweise über ein halbes Jahr in der Klinik gewesen waren. Und ich war immer davon ausgegangen, zu den Herbstferien wieder zu Hause zu sein! Die Regeln waren auch deutlich strenger als erwartet: ich bekam erst mal absolute Ausgangssperre, die auch erst Wochen später aufgehoben wurde, und auch sonst gab es viele Regeln, die ich einfach nur willkürlich fand. Und so handeln meine Tagebucheinträge immer von den gleichen Themen: Heimweh, Verzweiflung, Langeweile, Ärger über die strengen Regeln, die Ausgangssperre, die Betreuer; die quälende Frage, wie lange ich wohl bleiben müsste; aber auch Ärger über meine Eltern, die mich dauernd damit nervten, ich solle mehr essen, mehr zunehmen, mehr Fortschritte machen, und sich in einer Weise einmischten, die ich absolut nicht wollte. Anfangs machte mir außerdem der Gedanke ziemlich zu schaffen, in der Psychatrie gelandet zu sein. Ich hatte immer davon geträumt, große Karriere zu machen, vielleicht sogar Politikerin zu werden. Wenn dann herauskäme, dass ich als Jugendliche in der Klapse war...

Ich habe immer noch ein Problem damit, „Klapsenkind" zu sein. Ich wollte doch so hoch hinaus, und wohin habe ich es gebracht? In die Psychiatrie. Klapsmühle. Irrenanstalt. Und irgendwie scheint mir das hier so endlos. Klar, irgendwann werde ich hier rauskommen, aber das wird noch ewig dauern...

 

Bald merkte ich außerdem, dass ich mir von der Therapie deutlich zu viel erwartet hatte. Meine Therapeutin war von Anfang an überzeugt, dass meine guten Noten schuld an meiner Essstörungen seien, und war nicht bereit, auf irgendwelche anderen Probleme einzugehen. Die anderen Therapien waren ähnlich erfolgreich. So schwiegen wir uns in der Gruppentherapie nur an, und bei der Ernährungsberatung lernten wir, welche Wurstsorte wie viel Fett enthält und dass Süßigkeiten dick machen. Die einzige Therapie, die mir gelegentlich weiterhalf, war Musiktherapie:

Danach haben wir [in der Musiktherapie] ein wenig über Wut gesprochen, dass ich halt nur extrem selten Wut empfinde, sondern dann eher traurig werde und mich frage, warum das gerade immer bei mir so ist und was so falsch an mir ist. [Bei einem Streit in England] hätte ich eigentlich schon auf E. etc wütend sein können, anstatt nur traurig zu sein, warum sie mich so absolut nicht wollen. Die Frage, warum ich nur traurig statt wütend bin, konnte und kann ich beim besten Willen nicht beantworten. Aber die Überlegung, dass sich diese Wut in Autoaggressionen umwandeln könnte, ist sicher nicht ganz falsch...

 

Insgesamt war es die meiste Zeit so, dass ich vor lauter Heimweh und Ärger über die Regeln keine Kraft mehr hatte, mich mit meinen wirklichen Problemen auseinanderzusetzen und gesund zu werden. Nur gelegentlich dachte ich über meine wesentliche Probleme nach:

Ich habe die Kraft nicht mehr, ich brauche Mami und Papi und deren Unterstützung einfach. Früher habe ich immer versucht, alles allein zu klären, aber wirklich geklappt hat’s nie. Gerade deshalb brauche ich Mami und Papi. Irgendwie bin ich wieder zu dem kleinen, liebebedürftigen Mädchen geworden. Und irgendwas in mir will, dass es so bleibt...

Ich kann ihr [meine Therapeutin] meine Traurigkeit nicht erklären. Weil es da eigentlich nichts zu erklären gibt. Ich fühle mich einfach nur dumpf und leer und traurig. Und habe überhaupt keine Ahnung, was ich noch will. Aber das versteht sie irgendwie nicht. Und ich habe das Gefühl, nicht alle ihre Fragen mit „Ich weiß nicht“ beantworten zu können.

Ich will nicht zurück in mein altes Leben. In der Schule wäre es sicher auch nicht so toll geblieben. Es gab dafür ja genug Anzeichen. Aber wo soll ich dann hin? Wo anders ist es doch auch nicht besser. Ich habe das Gefühl, dass das Leben einfach nur scheiße ist und ich nirgends glücklich werden kann. Aber sterben will ich auch nicht. Irgendwie würde ich gerne darüber reden. Aber ich schaffe es nicht, etwas zu sagen, und würde erst recht den Anfang nicht finden.

Wenn ich mir überlege, wie ich mich kaputt gemacht, abgekämpft und gelitten habe. Ich glaube, niemand aus meiner Klasse kann sich vorstellen, was ich die letzten 2 Jahre, im Krankenhaus und hier durchgemacht habe. Ich wünschte mir, ich könnte genauso glücklich und unbeschwert leben wie sie! Mein Leben ist doch schon am Arsch, bevor es überhaupt richtig angefangen hat...

Ich fühle mich eigentlich nur desolat, hoffnungslos und verzweifelt. Hab das Gefühl, dass mein Leben nie wieder besser wird. Das einzige, was mich von Selbstmordgedanken abhält, ist der Gedanke, wie schrecklich das für die anderen ist. Reden kann ich darüber auch mit niemandem. Sonst darf ich nur meinen Fön und meine Schere nicht mehr mit auf mein Zimmer nehmen.

Ich will vor allem von diesem blöden Kalorienzählen wegkommen, sondern einfach ein normales Hunger-Satt-Gefühl haben, dass mir sagt, wann ich wovon wie viel esse. Aber es ist einfach so schwer, dieses Mitrechnen abzustellen...

Zwischendurch [beim Brief schreiben] habe ich mich ans Fenster gestellt und rausgeguckt. Dabei ist so eine Welle von Selbsthass in mir hochgekommen! Im Vergleich dazu ist es noch echt gut, wenn ich traurig bin und es mir scheiße geht. Dann mag ich mich wenigstens noch...

Nachmittags habe ich mich doch wieder ziemlich wie das kleine, zerbrechliche Mädchen gefühlt. Aber irgendwie will ich dieses Gefühl noch behalten, und das ist mein Problem. Naja, wenigstens habe ich da überhaupt so etwas wie Sympathie für mich selbst gespürt. Etwas später ist dann wieder der totale Selbsthass in mir hochgekommen...

Ich selber hatte ja auch schon gemerkt, dass ich mich in letzter Zeit stärker fühle und mehr Kraft habe, auch im übertragenen Sinne. Oft fühle ich mich nicht mehr so zerbrechlich, sondern stark und widerstandsfähig, mit dem Gefühl „Ich schaffe das!“ Und an der Stelle liegt auch ein großes Problem von mir: Manchmal wäre ich gern immer noch klein und zerbrechlich. Man wird geschont und andere beachten und helfen einem eher. Denn oft fühle ich mich einfach nur unendlich überfordert. Aber andererseits wünsche ich mir ja oft, frei und unabhängig zu sein. Bloß das geht nur, wenn man groß und stark ist. Aber will ich das wirklich? Gerade im Moment habe ich nämlich das Gefühl, dass nicht. Komisch, alle sehen meine Magersucht doch als Autonomiekampf – und was hat sie bewirkt? Ich bin immer mehr zum kleinen abhängigen Muttersöhnchen geworden...

 

Nach zwei Monaten konnte ich meine Eltern dazu überreden, das ich nach Hause kommen dürfe, wenn meine Therapeutin zustimmt. Auch sie sahen, dass meine Magersucht eher schlechter als besser wurde. Meine Therapeutin überzeugte ich davon, dass es mir gut tun würde, auszuprobieren, wie ich jetzt in meiner Stufe zuhause zurecht kommen würde. Und so wurde vereinbart, dass ich Ende November entlassen werden würde.

Den Erfolg des Klinikaufenthaltes habe ich von Anfang an recht realistisch eingeschätzt. Ich habe gesehen, wie wenig er den anderen gebracht hat, vor allem aber, dass es mir immer schlechter ging. Dass ich auf einmal angefangen habe zu ritzen und darüber nachgedacht habe, nach dem Essen zu k***** - alles Probleme, die ich vorher nicht gehabt hatte. Außerdem hatte ich mich so daran gewöhnt, jeden Morgen wieder gewogen zu werden, dass ich es mir überhaupt nicht vorstellen konnte, es wieder seltener zu machen. Im Gegenteil, wenn ich die Möglichkeit dazu hatte, stieg ich sogar tagsüber wieder auf die Waage...

Keiner hier ist wirklich gesünder geworden. [Eine Magersüchtige] hat immer noch Angst vorm Zunehmen und tut sich mit dem Essen schwer, [jemand, der ritzt] hat sich eben wieder geritzt und [eine Bulimikerin] macht sich Sorgen, dass draußen alles wieder von vorne anfängt. Ich habe auch ein bisschen das Gefühl, nie wieder normal essen und leben zu können...

Ich habe Mami auch gesagt, wie wenig ich finde, vorangekommen zu sein, und dass ich mich im Moment ziemlich dick fühle.

Das ganze hier bringt mir sowieso nichts. Das Kalorienzählen krieg ich mir eh nicht abgewöhnt, im Gegenteil, es ist sogar strenger geworden. Insofern denke ich, ich sollte echt besser heim. Wenn ich jetzt noch länger hier bleibe, werde ich nur noch kränker. Heute in der Mittagspause habe ich mich mit dem Ende meines Stielkamms total geritzt. Mir war klar, dass ich gerade ziemlich Scheiß baue, aber ich konnte mich einfach nicht stoppen... 

Und so war mir durchaus bewusst, dass ich eher kränker als gesünder geworden war. Schon an meinem ersten Tag zu Hause sah ich mich im Internet nach anderen Kliniken um, doch meine Erfahrungen waren so schlecht, dass ich nie wieder eine Klinik betreten wollte. Jedenfalls war mir bewusst, dass die Zeit zu Hause sehr sehr schwer werden würde..

 

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